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Marek Radke „Bilder – Objekte“ überschreibt Marek Radke häufig seine Ausstellungen. Der Bindestrich dazwischen kann verbinden, dann haben wir Bildobjekte, er kann trennen, dann können wir sowohl von Bildern als auch von Objekten sprechen. Die ausgestellten Arbeiten von Marek Radke bieten sich als Malerei an - alle sind gemalt - und sie bieten sich als Objekte an, alle sind dreidimensional, manche nur Millimeter, andere sehr deutlich.

Auch Marek Radkes Bild-Objekte zeigen auf ihren Oberfl ächen nichts anderes als Farben und die entsprechenden Pinselzüge des Farbauftrags sowie Farbspannungen, wenn zwei oder mehrere Farbtöne nebeneinander stehen. Das Rot ist frei vonSymbolkraft, es wurde gewählt, weil der Künstler diese Farbe bevorzugt, weil ihm ihre Signalkraft wichtig ist, weil sie die Formen, von denen sie getragen wird, deutlich zur Geltung bringt.
Doch muß das Kapitel Oberfl äche noch erweitert werden. Da einige Objekte sehr klar aus zwei oder drei Formen zusammengesetzt sind, entstehen Linien, die wie Grenzen die Flächen der Teilobjekte trennen – oder verbinden. Aber diese Grenzziehung ist lediglich Resultat des Aneinanderheftens von Formen.
Wir können uns natürlich an Parallelen erinnern, z.B. an unsere eigene Grenzerfahrung, die besagt, dass wir je nach Stimmung oder Erziehung Grenzen als Trennendes oder Verbindendes wahrnehmen, während sie doch nichts anderes sind als Linien in der Landschaft.
Dann hatte Marek Radke die Idee, die monochrome Fläche durch einen markanten Eingriff zu öffnen.
Das Können Kästen sein, bei denen der Boden noch Farbe enthält, oder schräge Einschnitte, ohne dass die Oberflähe durchbrochen wird. Das kann auch ein Schacht mit quadratischer oder runder Form sein, ein schräger Spalt oder eine Struktur aus kleinen punktförmigen Bohrlöchern. Wiederum ist ein bereits historisch gewordener Künstler zu nennen, der Ende der vierziger Jahre über solche Eingriffe und die entstandenen Räume nachgedacht hat – Lucio Fontana. Sein Mittel war ein Schnitt in die gespannte Leinwand, wodurch sich die Spannung löste und ein Raum entstand.

Die Eingriffe von Marek Radke sind keine Schnitte, er benutzt auch keine Leinwand, sondern MDF oder Holz für Bohrungen und die haben folglich eine andere optische Wirkung. Allerdings, auch sie öffnen die Oberfl äche. Sie verändern die Flächen nachdrücklicher als Pinselzüge, die erst sichtbar werden, wenn man ganz nahe an die Fläche herantritt. Doch diesen vorsichtig geöffneten Objekten stehen andere gegenüber, bei denen die Mitte gänzlich entfernt worden ist, so dass nur noch Rahmen übrig geblieben sind. Manchmal verbinden Stege die langen Rahmen und gliedern somit den Raum auf rhythmische Weise. Sie sind radikaler, sie beseitigen die Fläche, reduzieren sie auf einen Rand oder Rahmen, verkehren also den eigentlichen Bild- Charakter, bei dem der Rahmen ursprünglich nicht mitgesehen wird, ins Gegenteil – der Rahmen ist alles, das Bild nichts oder genauer – das Bild wird zum Rahmen. Mehr als bei den anderen Eingriffen wird nun Leere visualisiert, sie dominiert für eine gewisse Zeit, bis der Betrachter begreift, dass der Rahmen das Bild ist.
Nirgendwo hat Marek Radke unsere Sehgewohnheiten so sehr in Frage gestellt. Das Auge ist der Leere ausgeliefert, der Betrachter sucht nach Begründungen, und letztlich gibt es nur die eine: Der Rahmen ist das Bild.

Diese Variabilität mit austauschbaren geometrischen Elementen provoziert Gewohnheiten, Erwartungen und Überlieferungen. Wir kommen in eine Ausstellung, um Bilder zu sehen, und erwarten, dass diese sich nicht durch Austauschbarkeit einer festen Zuordnung und Bezeichnung entziehen. Von Marek Radke aber werden einige Seherfahrungen auf den Kopf gestellt, das Bildobjekt wird auf die einfachsten Komponenten reduziert. Sie werden zu Spiel- Elementen, mit denen der Eigentümer seine eigenen Form- Figuren aufbauen kann – mit emotionalen Werten, obwohl die reinen geometrischen Elemente keine Emotionen zulassen. Und wenn der Künstler bei einem Quadrat-Objekt ein anderes Holzstück darunter legt, so provoziert das zweite den Eindruck, auch ein Quadrat zu sein, was unbeweisbar ist. Radke sagt: „Man muß es glauben.“

Interessanterweise geraten wir, je mehr wir uns mit den verschiedenen Objekten und ihren Parallelen und Partnern beschäftigen, weg von der kalten, selbstverständlich scheinenden Geometrie und stoßen auf ein empfi ndsames, sogar stimmungshaftes Feld. Dass die Arbeiten von Marek Radke solch eine Zone erreichen, die in Distanz zur reinen Lehre des Konstruktivismus steht, ist ein bemerkenswertes Qualitätszeichen einer selbstständigen Entwicklung. Es geht nicht um die Abwertung des Konstruktivismus, sondern um die Erarbeitung einer von Subjektivität und Sensibilität bestimmten eigenen Position.

Jürgen Weichardt
Oldenburg
März 2005






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